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ElevaStudienstrategie
Erstgespräch
Zulassungswege

Medizin ohne 1,0 — welche Wege jetzt wirklich offen sind.

Dr. Alexander Groß · Promovierter Bildungsforscher · Eleva · Veröffentlicht am · Stand 15. September 2026 · Lesezeit etwa acht Minuten

„Mit dem Schnitt wird das nichts“ — dieser Satz stammt aus einem Vergabesystem, das es seit 2020 nicht mehr gibt. Nur drei von zehn Studienplätzen werden heute allein nach Abiturnote vergeben. Für den Rest zählen andere Dinge — und die Spielregeln ändern sich gerade an zwei Stellen: beim Test und in den Niederlanden.

Zum Wintersemester 2025/26 haben sich 31.543 Menschen auf 10.281 Humanmedizin-Plätze beworben — rund drei Bewerber je Platz. Das ist eine harte Auswahl, aber sie läuft anders, als die meisten Eltern es aus ihrer eigenen Studienzeit kennen: Die Wartezeitquote ist seit der Reform von 2020 abgeschafft, und die Abiturnote ist nur noch in einer von drei Quoten das alleinige Kriterium.

So werden die Plätze seit 2020 vergeben

30 %Abiturbestenquote — allein die Note; die Bundesliste wird aus den Listen der sechzehn Länder zusammengesetzt, die Grenzwerte weist die Stiftung je Land aus
10 %Zusätzliche Eignungsquote (ZEQ) — die Abiturnote zählt hier gar nicht; es zählen Testergebnis, Berufsausbildung und Dienste
60 %Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH) — Note plus weitere Kriterien; an den meisten Fakultäten ist der Studierfähigkeitstest der größte Posten neben der Note

Die Auswahlgrenzen der Abiturbestenquote lagen zum Wintersemester 2026/27 je nach Bundesland zwischen 1,0 und 1,3. Ein Schnitt von 1,4 oder schlechter reicht über diese Quote also nirgends. Sieben von zehn Plätzen werden in Verfahren vergeben, in denen ein sehr guter Test eine gute, aber nicht herausragende Abiturnote ausgleichen kann. Wer mit 1,5 oder 1,8 gar nicht erst antritt, überlässt diese Plätze denen, die das Verfahren verstanden haben.

01 · TMS und TMSnat

Der alte Medizinertest läuft aus

Der Test für medizinische Studiengänge, seit Jahrzehnten der wichtigste Hebel neben der Note, wird abgelöst. Ab dem Vergabeverfahren zum Wintersemester 2027/28 tritt ein neuer Test an — der TMSnat, der die kognitiven Aufgaben des TMS mit den naturwissenschaftlichen Inhalten des Hamburger HAM-Nat verbindet. In einer Übergangsphase zählen zunächst auch die alten Ergebnisse weiter; wie lange, legt jede Universität für sich fest. Ein bundesweites Enddatum dafür gibt es nicht. Der letzte reguläre TMS findet am 7. und 8. November 2026 statt.

Die Termine im Überblick

19. Aug 2026Abgelaufen: Ende der letzten Anmeldephase für den Herbst-TMS, 5:00 Uhr morgens (tms-info.org)
7./8. Nov 2026Letzter regulärer TMS
ab WS 2027/28TMSnat tritt an; in einer Übergangsphase zählen alte TMS- und HAM-Nat-Ergebnisse weiter — wie lange, entscheidet jede Universität selbst
8./9. Mai 2027Erster TMSnat-Termin nach Ankündigung der Koordinationsstelle; Anmeldung voraussichtlich ab Februar 2027

Was das für die Planung heißt, hängt an der Jahrgangsstufe. Wer jetzt in die Qualifikationsphase geht, für den ist die Weiche bereits gestellt: Die Anmeldung zum letzten regulären TMS ist am 19. August abgelaufen — wer sie verpasst hat, plant wie die Jüngeren auf den TMSnat. Wer in Klasse 10 oder 11 ist, setzt von vornherein auf den TMSnat — und profitiert von dessen wichtigster Änderung: Der neue Test soll sich beliebig oft wiederholen lassen. Der eine verpatzte Testtag, der bisher ganze Studienpläne beerdigt hat, verliert damit seinen Schrecken.

02 · Eignungsquote

Der stillste Weg: die Quote ohne Note

Die Zusätzliche Eignungsquote wird regelmäßig übersehen, vermutlich weil ihr Name nach Verwaltungsvorschrift klingt. Dabei werden dort zehn Prozent der Plätze vergeben, ohne dass die Abiturnote überhaupt betrachtet wird — hochschulstart schreibt das wörtlich so. Es zählen der Test und eine abgeschlossene Ausbildung in einem medizinischen Beruf. Eine Ausbildung zur Notfallsanitäterin nach dem Abitur ist auf diesem Weg keine verlorene Zeit, sondern ein Zulassungskriterium — und gelebte Praxiserfahrung obendrein, die später im Studium niemand mehr nachholen muss.

03 · Österreich

Die Note ist egal — die Quote nicht

Beim österreichischen Aufnahmetest MedAT spielt die Abiturnote keine Rolle. Es gibt auch keine Bestehensgrenze: Die Plätze gehen der Reihe nach an die besten Testergebnisse. Das macht den Weg für Bewerber ohne Spitzenabitur attraktiv — und entsprechend voll.

MedAT im Studienjahr 2026/27

1.950 PlätzeHuman- und Zahnmedizin zusammen: Wien 784, Innsbruck 430, Graz 406, Linz 330 (in Linz nur Humanmedizin). Auf die Humanmedizin entfallen davon 1.806 Plätze (MedUni Innsbruck, medizinstudieren.at, 2026)
16.880verbindliche Anmeldungen zum Test am 3. Juli 2026 — knapp neun je Platz
KontingenteMindestens 75 % der Plätze für österreichische Reifezeugnisse, mindestens 95 % für EU-Bürger. Deutsche Bewerber konkurrieren also um rund ein Fünftel der Plätze
AblaufAnmeldung im März, Test Anfang Juli, ein Termin pro Jahr

Ehrlich rechnen muss man trotzdem: Im EU-Kontingent kommen auf einen Platz deutlich mehr Bewerber als im österreichischen. Leichter als der deutsche Weg ist der MedAT darum nicht. Er lässt sich aber lernen: Monate planbarer Vorbereitung treten an die Stelle einer Abiturnote, die längst feststeht. Für ein Kind, das im Testformat stark ist und unter Notendruck schwach war, kann das der richtige Tausch sein. Und der Abschluss wird als EU-Abschluss in Deutschland automatisch anerkannt.

04 · Niederlande

Das Ende des englischen Sonderwegs

Jahrelang war „Medizin auf Englisch in Holland“ die Standardauskunft für Familien ohne Einser-Abitur. Diese Auskunft ist veraltet, und zwar seit Kurzem: Groningen unterrichtet den Bachelor seit dem Studienjahr 2025/26 ausschließlich auf Niederländisch — die Universität schreibt das inzwischen mit Ausrufezeichen in ihre Programmbeschreibung. Maastricht, die zweite englischsprachige Adresse, hat ihren International Track zum Studienjahr 2026/27 eingestellt. Hintergrund ist die niederländische Politik der „Internationalisierung im Gleichgewicht“, die englischsprachige Bachelor-Programme landesweit zurückdrängt.

Damit ist der Medizin-Bachelor in den Niederlanden flächendeckend niederländischsprachig. Die Route selbst bleibt offen: Die Auswahl läuft über ein Numerus-fixus-Verfahren der jeweiligen Universität, nicht über den deutschen NC — Groningen etwa vergibt 400 Plätze, die Bewerbung läuft über Studielink bis zum 15. Januar, und für die Zulassung verlangt die Universität Niederländisch auf Niveau B1. Aber sie ist jetzt ein Sprachprojekt mit mindestens einem Jahr Vorlauf, ehrlicherweise mehr: In den klinischen Abschnitten spricht man mit Patienten.

Wer Ihrer Familie heute noch die englische Route in die Niederlande anbietet, arbeitet mit dem Stand von vorgestern. Das ist der verlässlichste Test für die Qualität einer Beratung, den ich kenne.

05 · Landarztquote und Privatuni

Möglich, mit Preisschild

Mehrere Bundesländer — darunter Nordrhein-Westfalen und Bayern — vergeben einen Teil ihrer Plätze über die Landarztquote: Ausgewählt wird in einem eigenen Verfahren außerhalb des zentralen NC, dafür gilt die vertragliche Bindung, nach der Facharztweiterbildung zehn Jahre in einer unterversorgten Region zu arbeiten. Wie stark die Abiturnote dabei zählt, unterscheidet sich: Bayern schließt sie als Kriterium ausdrücklich aus, Nordrhein-Westfalen gewichtet sie in der ersten Stufe mit 30 Prozent, neben Test und Berufserfahrung. Beim Ausstieg steht — so in Nordrhein-Westfalen — eine Vertragsstrafe von 250.000 Euro im Raum; ob die Klausel hält, verhandeln derzeit Gerichte. Es bleibt eine Entscheidung über das Leben mit 35, getroffen mit 18. Für ein Kind mit einem klaren, gefestigten Berufsbild kann sie richtig sein; als Notausgang aus dem NC ist sie zu teuer.

Private Hochschulen in Deutschland — von Hamburg über Potsdam bis Witten — nehmen ohne NC auf und wählen in eigenen Verfahren aus. Die Studiengebühren der drei Häuser liegen zwischen rund 5.950 und 9.000 Euro pro Semester: Hamburg und Potsdam verlangen 1.500 Euro im Monat, Witten/Herdecke 991 Euro. Witten bietet daneben den umgekehrten Generationenvertrag an — statt fester Raten zahlen Absolventen zehn Jahre lang zwölf Prozent ihres Einkommens. Über ein sechsjähriges Studium summieren sich die festen Gebühren auf rund 60.000 bis 108.000 Euro. Das muss eine Familie nicht abschrecken, aber sie sollte es vorher ausgerechnet haben.

06 · Anerkennung

Die Frage, die über allem steht: Führt der Weg zurück?

Ein Abschluss ist erst die halbe Strecke. Abschlüsse aus EU-Staaten — Österreich, die Niederlande, auch die osteuropäischen Staatsuniversitäten — werden nach der EU-Berufsanerkennungsrichtlinie 2005/36/EG automatisch anerkannt; die deutsche Approbation wird auf Antrag erteilt, ohne Gleichwertigkeitsprüfung. Großbritannien ist seit dem Brexit Drittstaat: Dort entscheidet die zuständige Landesbehörde im Einzelfall über die Gleichwertigkeit, gegebenenfalls mit Kenntnisprüfung. Das kann gut ausgehen und tut es oft — aber es ist ein Verfahren mit offenem Ausgang, und das gehört in die Rechnung, bevor die erste Studiengebühr fließt.

Einschätzung

Was ich Familien dazu sage

Die Reihenfolge der Prüfung ist wichtiger als die Zahl der Optionen. Zuerst das Inland ausreizen: Test, Auswahlverfahren, Eignungsquote — das kostet Vorbereitung, aber kein Vermögen und keine Sprache. Dann das EU-Ausland mit gesichertem Anerkennungsweg. Erst danach alles, was Bindungen oder sechsstellige Beträge verlangt.

Und vor jeder Unterschrift bei einer Vermittlungsagentur zwei Fragen: Wer bezahlt diese Beratung — Ihre Familie oder die Hochschule, an die vermittelt wird? Und führt der angebotene Abschluss zur deutschen Approbation, belegt mit der Rechtsgrundlage statt mit einer Broschüre? Beide Fragen sollten sich schriftlich beantworten lassen.

Sieben von zehn Plätzen werden nicht allein nach der Abiturnote vergeben. Wer das Verfahren rechtzeitig kennt, hat mehr Wege als erwartet.

Wie eine solche Prüfung durchgerechnet aussieht — Kosten, Fristen, Zulassungswahrscheinlichkeiten, drei Routen im Vergleich —, steht im Muster-Pfad-Bericht. Dieselbe Prüfung für die eigene Familie übernimmt Eleva Pivot: in vier Wochen ein schriftlicher Pfad-Bericht mit drei geprüften Routen. Was die einzelnen Wege in Euro bedeuten — von 26,20 € im Semester in Wien bis zur sechsstelligen Privatuni-Summe —, steht im Beitrag „Was das Medizinstudium wirklich kostet". Und die Frage, die in Erstgesprächen gleich danach kommt — lohnt sich Medizin angesichts von KI überhaupt noch? — beantwortet „Was soll mein Kind angesichts von KI studieren?“.

Bildungsbrief

Zur Anmeldung gehört die Übersicht „Medizinstudium 2026/27: Kosten und Fristen auf einer Seite“ als PDF. Dazu viermal im Jahr der Bildungsbrief: kurze Notizen zu Studienwegen, Visa-Lagen und Studienkosten. Ohne Werbe-Druck, Abmeldung mit einem Klick.

Double-Opt-In: Aufgenommen wird die Adresse erst nach Ihrer Bestätigung. Details in der Datenschutzerklärung.

Häufige Fragen

Kann man ohne 1,0er-Abitur Medizin studieren?

Ja. Nur 30 Prozent der Studienplätze werden über die Abiturbestenquote vergeben. 60 Prozent laufen über das Auswahlverfahren der Hochschulen, in dem Testergebnisse wie der TMS neben der Note stehen, und 10 Prozent über die Zusätzliche Eignungsquote, in der die Abiturnote gar nicht zählt. Dazu kommen Landarztquoten, private Hochschulen und das EU-Ausland.

Wann findet der letzte reguläre TMS statt?

Am 7. und 8. November 2026. Die Anmeldung dafür ist am 19. August 2026 abgelaufen. Ab dem Vergabeverfahren zum Wintersemester 2027/28 tritt der neue TMSnat an; den ersten Termin plant die Koordinationsstelle für den 8. und 9. Mai 2027. Wie lange ein altes TMS-Ergebnis daneben noch zählt, legt jede Universität selbst fest — ein bundesweites Enddatum der Übergangsphase gibt es nicht.

Kann man in den Niederlanden noch auf Englisch Medizin studieren?

Nein. Groningen unterrichtet den Bachelor Medizin seit dem Studienjahr 2025/26 ausschließlich auf Niederländisch, Maastricht hat den englischsprachigen Track zum Studienjahr 2026/27 eingestellt. Die niederländische Route bleibt offen — die Auswahl läuft ohne deutschen NC —, setzt aber jetzt Niederländischkenntnisse voraus.

Wie stehen die Chancen beim MedAT in Österreich?

Die Abiturnote spielt beim MedAT keine Rolle, es zählt allein das Testergebnis. Für das Studienjahr 2026/27 standen 1.950 Studienplätzen in Human- und Zahnmedizin 16.880 Anmeldungen gegenüber; auf die Humanmedizin entfallen 1.806 Plätze. Mindestens 75 Prozent der Humanmedizin-Plätze sind Bewerbern mit österreichischem Reifezeugnis vorbehalten; deutsche Bewerber konkurrieren im EU-Kontingent um rund ein Fünftel der Plätze.

Wird ein Medizinstudium im Ausland in Deutschland anerkannt?

Ein Abschluss aus einem EU-Staat wie Österreich oder den Niederlanden wird nach der EU-Berufsanerkennungsrichtlinie 2005/36/EG automatisch anerkannt und führt zur deutschen Approbation. Großbritannien ist seit 2021 Drittstaat: Dort entscheidet eine Gleichwertigkeitsprüfung im Einzelfall, gegebenenfalls mit Kenntnisprüfung.

Quellen

  1. Stiftung für Hochschulzulassung: Quotenmodell des Zentralen Vergabeverfahrens (30 / 10 / 60 Prozent) sowieStatistiken des Zentralen Verfahrens, Wintersemester 2025/26(31.543 Bewerbende auf 10.281 Plätze) und Auswahlgrenzen Medizin (Notenspanne der Abiturbestenquote 1,0 bis 1,3). Abgerufen am 15. September 2026. Zur Quelle ↗
  2. TMS-Koordinationsstelle: Fristen und Termine (Herbst-TMS 7./8. November 2026, Anmeldephase bis 19. August 2026, 5:00 Uhr) und Startseite tms-info.org, dort die Ankündigung zum TMSnat: erste Durchführung geplant für den 8./9. Mai 2027, beliebig oft wiederholbar, Anerkennung alter Ergebnisse je Universität. Abgerufen am 15. September 2026. Zur Quelle ↗
  3. Medizinische Universität Innsbruck: MedAT-Aufnahmeverfahren zum Medizinstudium für das Studienjahr 2026/27. Pressemitteilung 2026 (1.950 Plätze; 16.880 Anmeldungen; Kontingentregelung). Zur Quelle ↗
  4. Rijksuniversiteit Groningen: Bachelor Medicine. rug.nl, abgerufen am 13. August 2026 (Unterrichtssprache Niederländisch, Numerus fixus 400 Plätze, Bewerbungsschluss 15. Januar, Sprachniveau B1). Zur Quelle ↗
  5. Maastricht University: Einstellung des englischsprachigen Medicine-Tracks zum Studienjahr 2026/27; berichtet u. a. im Hochschulmagazin Observant, Maastricht. Zur Quelle ↗
  6. Landarztquote: Angaben der Länderprogramme, u. a. landarztquote.bayern.de und das Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen. Abgerufen am 13. August 2026. Zur Quelle ↗
  7. Richtlinie 2005/36/EG über die Anerkennung von Berufsqualifikationen, Anhang V; § 3 Bundesärzteordnung. Zur Einordnung britischer Abschlüsse seit dem 1. Januar 2021: Auskünfte der Approbationsbehörden der Länder. Zur Quelle ↗

Dieser Beitrag gibt den Stand vom 15. September 2026 wieder. Zulassungszahlen, Fristen und Testformate ändern sich jährlich; maßgeblich sind die genannten Primärquellen. Der Beitrag stellt belegte Sachinformation dar und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.

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